Anne Berest

  • 11. Juli 2014
    Par Anne Berest
    HAUTE COUTURE HERBST-WINTER 2014/15  <BR />VON ANNE BEREST

    HAUTE COUTURE HERBST-WINTER 2014/15
    VON ANNE BEREST

    Die Braut schreitet mit ihren Sandalen über den makellosen Boden – und betritt das Grand Palais wie eine Kirche Die goldfarbenen Sandalen sind flach, aber das Kleid ist von beeindruckender Größe... und erst die endlose Schleppe. Ashleigh Good bewegt sich beinahe auf bloßen Füßen, wie eine in Weiß gekleidete Jungfrau. Sie dreht sich leicht um sich selbst, um den Zuschauern ihr reines, blasses Gesicht zu zeigen, das dem einer modernen Madonna gleicht.

    Und plötzlich, vor den erstaunten Augen des Publikums, ist eine spektakuläre Rundung zu sehen: Die Versprochene ist schwanger! Ihr Bauch, so rund wie der Vollmond, wird vom Faltenwurf des Stoffes auf wundervolle Weise unterstrichen. das Kleid einer Kaiserin – aus Neopren.

    Eine schwangere Frau in einem jungfräulichen Kleid: eine starke Aussage. Karl Lagerfeld schließt so das Defilé der Kollektion Haute Couture Herbst-Winter 2014-15 ab. Es handelt sich hierbei nicht um eine „Provokation“, aber die Idee, „etwas zu provozieren“. Die Überraschung zu provozieren, die Fragestellung, Emotionen auszulösen. Was sagt er uns damit? Dass das Leben überraschend ist, sprudelnd ohne Unterlass, und zwar dann, wenn man es nicht erwartet. Und vor allem deshalb, weil die Formen der Frau nicht ganz und gar zu verbergen sind. Wir brauchen einfach Kurven, um Leben zu schenken. Am Arm des Designers hat sich die Braut in eine Metapher der Kreation verwandelt: die der bevorstehenden Geburt.

    Es ist schwierig zu sagen, warum uns die plötzliche Vision eines Kleides so berührt. Es ist eine Mischung unendlich vieler Dinge, bewusst wahrgenommener und verschütteter Gefühle, denn ein Kleid steht tatsächlich für 1000 Kleider. Und heute Morgen repräsentierte die Braut von Karl Lagerfeld 1000 Frauen.

    Sie war Maria-Magdalena, die sündige Frau. Sie war die mittelalterlich Braut, die Van Eyck gemalt hatte, mit ihren eng anliegenden Ärmeln, die die Empfindsamkeit der Arme unterstrichen. Sie war Kaiserin Josephine, die von ihrem Mann gekrönt wurde und deren graziles weißes, mit Gold besticktes Kleid unter dem Hermelin hervorblitzte. Aber vor allem war sie die Donna der italienischen Renaissance mit ihrem vorgestreckten Hals, einer konischen Büste, die die Taille schlank aussehen ließ. Eine klare, natürliche, die Silhouette der Frau befreiende Linie, die der Büste die majestätische Form eines Dreiecks verlieh.

    Auf ihrer Reise durch die Epochen verkörperte das Hochzeitskleid, das Ashleigh Good trug, absolute Modernität. Neopren, das Material aus dem Taucheranzüge gemacht werden, hat den Vorteil, dass das Kleid auf einer Form modelliert werden konnte – ohne genäht zu werden. „Haute Couture ohne Nähte“... Ist das nicht die höchste Form der Raffinesse? In der Tat eine unerhörte Feinheit, die darin besteht, jegliche Intervention auszuradieren, um ein Kleid zu kreieren, das so perfekt ist wie die Haut eines Neugeborenen.

    Anne Berest ist Schriftstellerin. Sie ist die Autorin von Sagan 1954, erschienen bei Stock. Und Co-Autorin von How to be a Parisian. Love, Style and Bad Habits, das bei Double Day im kommenden September erscheint.

    Foto Benoit Peverelli